Praxisbericht Web 2.0-Einsatz: Luka Peters

11 08 2010

Welche Web 2.0-Anwendung(en) haben Sie bereits in einer oder mehrerer Ihrer Lehrveranstaltungen eingesetzt?

Im Laufe der Jahre habe ich den Medieneinsatz in Seminaren immer wieder sowohl dem jeweiligen Thema als auch den technischen Veränderungen angepaßt. Angefangen hat alles vor einigen Jahren mit einem selbstprogrammierten LMS auf Basis eines Open-Source-CMS, über das die Seminar-TN Zugang zu geschützten Ressourcen hatten. Seitdem sind andere, auch kommerzielle LMS, z.T. von Unternehmen gesponsert, zum Einsatz gekommen. Die meisten LMS, wie Dokeos, Moodle oder ILIAS, bieten Kommunikationsfunktionen von Hause aus an, manche haben inzwischen auch einen Teil der sog. „Web 2.0-Technologien“ integriert – wenn auch oft mit geringerem Funktionsumfang als die freistehenden Applikationen. Im letzten Wintersemester habe ich neben den inzwischen üblichen Applikationen wie Foren, Datenrepositorium und Online-Tests folgende Tools eingesetzt:
– Wiki
– Blog
– Skype
– WizIQ
– mixxt
– LimeSurvey

Wie haben Sie diese Anwendung in Ihrer Veranstaltung eingesetzt? Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der FH Düsseldorf bietet im Rahmen des Studiengangs „Multimedia- und Kommunikationsmanagement“ ein Spezialisierungsmodul „E-Learning“ an. Zu den Lernzielen gehört die Fähigkeit, E-Learning-Konzepte und verschiedene Szenarien ökonomisch zu bewerten. Um dies zu können müssen die Studierenden aber auch Kenntnisse didaktischer Konzeption und einsetzbarer Technologien haben.

In einer Blended-Learning-Veranstaltung konnte ich Theorie und Praxis eng verzahnen und damit die breitgefächerten Seminaranforderungen erreichen.

Folgende Plattformen habe ich eingesetzt:
– mixxt.de (http://elearning-wirtschaft.mixxt.de) für eine gemeinsame soziale Lernplattform (SLE, Social Learning Environment). Mixxt integriert verschiedene Kommunikations- und Kooperationsmittel wie z.B. Wiki, Foren, Gruppen und Gruppenforen sowie Gruppennachrichten und RSS
– ein Seminar-Weblog (http://www.elarning-wirtschaft.de)

Und so wurden die verschiedenen Applikationen im Seminar eingesetzt:

– Wiki: Das in der SLE integrierte Wiki diente alternierend zur gemeinsamen Recherche und Problemlösung sowie zur individuellen Aufgabenbearbeitung. Die Studierenden lernten auf diese Weise sowohl kooperatives Arbeiten in Online-Umgebungen als auch Prozesse und Methoden individuellen Wissensmanagements kennen.
– Blog: Im wöchentlichen Rotationsverfahren war jede/r TN verpflichtet, einen Blogbeitrag zu einem Thema zu schreiben, das ihn oder sie gerade besonders beschäftigte. Es gab dabei keine inhaltliche Bindung an das Seminar, diese verstärkte sich aber im Laufe des Semesters von selber, wie die Blogbeiträge zeigen.
– Skype wurde von uns wöchentlich für Konferenzgespräche genutzt. Im zweiten Semesterdrittel gab es eine zusätzliche Skypesprechstunde, in der die Studierenden ihren individuellen Leistungsstand erfahren und weitere Fragen klären konnten. Ein besonderer Veranstaltungstermin war als Debattierclub konzipiert: Zwei Gruppen standen sich mit kontroversen Meinungen gegenüber und debattierten per Skype. Im Anschluß wurden die Vor- und Nachteile einer solchen virtuellen Debatte und die Grenzen digitaler Dialoge diskutiert.
– Mit WizIQ (www.wiziq.com) nutzten wir ein webbasiertes Werkzeug für virtuelle Klassenräume. Hier ist es möglich, per Audio und (wahlweise) Video in Gruppen ohne quantitative Begrenzung zu kommunizieren. Die Studierenden stellten eigene Vorträge vor, es gab einen Gastvortrag, und ich konnte zweimal ursprünglich für die Präsenzveranstaltung vorgesehene Referate stattdessen online präsentieren. Die interaktiven Whiteboards ermöglichen auch hier kooperatives Arbeiten, zum Beispiel durch die gemeinsame Entwicklung grafischer Darstellungen von Problemfeldern und Lösungen.
– Mit dem OpenSource-Werkzeug LimeSurvey und des Dienstes LimeService (http://www.limesurvey.org und https://www.limeservice.com/) haben die Studierenden ein Fragebogendesign online umgesetzt, die Umfrage durchgeführt und ausgewertet.

Wie haben Sie das, was Sie mit der/den Web 2.0-Anwendung(en) umgesetzt haben, vorher in der Veranstaltung bearbeitet?

Generell hatten die Studierenden während der Präsenztermine zu Anfang des Semesters Zeit, sich mit der Handhabung vertraut zu machen und Fragen zu stellen. Keine Anwendung wurde ihrerselbst wegen verwendet, sondern stand untrennbar im Kontext des Seminarthemas und der zu bewältigenden Aufgaben. Daher wurde ein „le technique pour le technique“ vermieden und der Fokus immer wieder auf die Frage gerichtet, wie man mit digitalien, multimedialen Medien die definierten Ziele erreichen kann.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Studierenden über Web 2.0-Anwendungen empfunden?

Die Studierenden sind zum Teil anfangs mit einer gewissen Scheu an den aktiven, produktiven Einsatz der Anwendungen herangegangen, haben aber immer ihre Aufgaben bewältigt. Ich habe die Offenheit, mit der Fragen gestellt wurden, sehr positiv erlebt, es hatte niemand Angst sein oder ihr Gesicht zu verlieren. Im Verlauf des Semesters entwickelte ein Teil der Studierenden Experimentierfreude (auch sonst wenig genutzte Features wurden ausprobiert) und kritische Diskussionen zu verschiedenen Aspekten kamen ebenfalls zustande. In anderen Worten: Nicht nur die Partizipation, sondern auch das selbstständige Denken wurde angeregt.

Welches Feedback haben Sie von den Studierenden zum kollaborativen Arbeiten im Web in Ihrer Lehrveranstaltung erhalten?

Besonders die Arbeit mit dem Wiki wurde als Herausforderung bezeichnet. Wie auch beim Blog hatten manche Angst davor, sich vor anderen „zu blamieren“. Zugleich äußerten die Studierenden aber auch, dass die Lernphase im Umgang mit den Applikationen kurz, die Lernkurve daher steil war und die kooperative Arbeit im Wiki als sehr bereichernd im Lernprozess empfunden wurde. Die Kommunikation mit Skype war den Studierenden geläufig; neu war für sie allerdings der Einsatz dieses Tools im direkten Seminarkontext und sie bewerteten die Entwicklung neuer Formate, wie den Debattierclub und die Onlinesprechstunde, positiv. Besonders günstig wurden in der Evaluation die Online-Konferenzen bzw. virtuellen Klassenräume bewertet. Hier gefiel den Studierenden vor allem die gemeinsame Arbeit an den Whiteboards sowie die Möglichkeit, Gastdozenten virtuell zu treffen.
Die regelmäßige Arbeit am Weblog führte laut Evaluation zu einer bewußteren Auseinandersetzung mit eigenen Inhalten und Stilen.
Darüberhinaus wurde die Flexibilität des Seminarkonzepts gewürdigt, die es ermöglichte, ursprünglich für den Präsenztermin vorgesehene Elemente stattdessen online durchzuführen. Die Möglichkeit durch aufgezeichnete virtuelle Konferenzen diese nochmals anzusehen, kam ebenfalls gut an. Und natürlich war es für alle Beteiligten angenehm, Fahrzeiten sparen zu können.

Welche Vorteile haben sich aus der partizipativen Mitarbeit der Studierenden in Ihrer Lehrveranstaltung ergeben? Welchen Mehrwert sehen Sie für die Studierenden und/oder für sich? Welche Nachteile?

Vorteile und Mehrwerte:
– Erlangung zusätzlicher Medienkompetenzen, die zukünftig in verschiedenen Lebens- und Berufskontexten genutzt werden können.
– Zusätzliche organisatorische und kommunikative Kompetenzen, insbesondere durch die Abstimmung der gemeinsamen Arbeit am Wiki sowie der Arbeit am Fragebogen.
– Zeitersparnis durch Online-Termine
– Online-Gastvorträge ohne Reisekosten
– Dank verschiedener Kommunikationskanäle kann man die Studierenden sehr intensiv betreuen.

Probleme:
– Wer an Skype- oder WizIQ-Terminen teilnehmen will, braucht einen Netzzugang mit guter Bandbreite. ISDN und im Wohnheim geteiltes WLAN machten Probleme.
– Unter Umständen muß in Hardware investiert werden, z.B. sind Headsets besser als integriertes Mikro mit Lautsprechern am Laptop. Und wer zu Hause keinen Rechner oder keinen Internetzugang hat lernt den „digital divide“ kennen.
– Die Arbeit mit einem Wiki kann Studierenden zu copy&paste von anderen Webseiten (vor allem aus Wikipedia) verleiten. Es ist wichtig, den Studierenden den Vorteil deutlich zu machen, den sie durch tiefere Recherchen und eigenständiges Denken haben. Zusätzlich empfiehlt sich zumindest eine stichprobenartige Kontrolle der eingepflegten Inhalten (z.B. mit Hilfe von Plagiatfindern). Das bedeutet aber natürlich Mehraufwand.
– Das Seminarkonzept muß gut durchdacht sein, damit es funktioniert. In diesem Fall war es wegen der starren curricularen Vorgaben etwas extrem, denn wir hatten jede Woche einen Präsenz- und zwei Online-Termine. In der Regel hat man ja eher blockartig organisierte Seminare mit längeren Onlinephasen.
– Die Lehrperson sollte selber gut vertraut mit den Anwendungen sein, die er/sie einsetzen will, um kompetent den Studierenden helfen zu können. Hier ist also ggf. mit zusätzlicher Vorbereitungszeit zu rechnen.
– Stellt die Hochschule, wie in diesem Fall, keine geeignete Infrastruktur zur Verfügung, muß die Lehrperson auch diese Dinge selber aufsetzen können (z.B. ein Weblog installieren). Hier sind daher im schlechtesten Fall weitere Kompetenzen und Zeitressourcen nötig.
– Es ist sehr wichtig, die Zeiten, zu denen man per Skype, E-Mail oder Forum erreichbar ist, eindeutig zu definieren. 12-Stunden-Reaktionszeiten bei vermeintlichen Problemen haben sich auch als sinnvoll erwiesen, damit die Studierenden die Möglichkeit haben, erstmal selber nach einer Lösung zu schauen.

Welche Konsequenzen ziehen Sie selbst aus den von Ihnen gemachten Erfahrungen? Welche Verbesserungsmöglichkeiten sehen Sie?

Man sollte den Studierenden Zeit zur Einarbeitung lassen, nach Möglichkeit die Angst vor den ungewohnten Anwendungen und besonders vor der produktiven Online-Arbeit nehmen, Raum zum Experimentieren lassen und nicht zu viel steuern, damit Neues entstehen kann. Dies erfordert von den Lehrenden andererseits aber auch den Mut, sich auf Experimente und Unverhergesehens einzulassen. Aber jeder Lehrende ist auch Lernender.
Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich vor allem im organisatorischen und infrasturkturellen Bereich seitens der Hochschulen. Da gibt es viel Nachholbedarf, die Lehrenden werden oft nicht oder nicht genug unterstützt.

Welche unterstützenden Maßnahmen beim Einsatz von Web 2.0-Anwendungen wünschen Sie sich? (Hiwis, Anleitungen, Beratung …)

Da ich mit digitalen Medien schon sehr lange vertraut bin, brauchte ich glücklicherweise keine Unterstützung bei dem Einsatz dieser Anwendungen. Generell würde ich aber empfehlen:
– Hochschul-Lernplattformen, die lebendige Kommunikation und Kooperation ermöglichen, am besten in Vernetzung mit den gleichen Studiengängen an anderen Hochschulen
– E-Learning-Center, die die Lehrenden umfassend auf solche neuen Lehr- und Lernformen vorbereiten
– Lehrende, die nicht müde abwinken, wenn Kollegen sie von den Vorteilen für alle Beteiligten an partizipativen Lehr-Lernprozessen überzeugen wollen, sondern die mehr Leidenschaft für die Lehre zeigen
– Hochschulverwaltungen, die die Notwendigkeit zügiger finanzieller Ausstattungen für die Infrastuktur erkennen

Welche zukünftigen Einsatzmöglichkeiten können Sie sich (konkret) für Ihre Lehrtätigkeit vorstellen? Wohin geht Ihrer Meinung nach die Gesamttendenz?

Die Entwicklung von Einsatzmöglichkeiten hängt nicht zuletzt von Fach und Seminarthema ab. Ich werde auf jeden Fall die Einsatzmöglichkeiten partizipativer Applikationen weiter untersuchen und ausbauen. In einem anderen meiner Seminare haben die Studierenden der Medienwissenschaft eigene Podcast-Episoden konzipiert, aufgenommen, geschnitten und veröffentlicht. Das ist ein Beispiel für fachabhängige Konzepte.
Ich sehe derzeit keine Gesamttendenz, denn Lehrende halten sich an deutschen Hochschulen noch viel zu sehr mit dem Einsatz partizipativer Methoden zurück. E-Learning bedeutet für viele noch immer die Aufzeichnung und das Streaming ihrer Vorlesung.

Welche Fähigkeiten müssen die Studierenden mitbringen, um Web 2.0 für ihr Studium gewinnbringend einzusetzen? Welche Fähigkeiten benötigen Sie selbst?

Partizipation in der Lehre ist i.d.R. sowohl für Lehrende wie auch für Lernende noch ungewohnt. Dieser Ansatz erfordert erweiterte kommunikative und organisatoriche Fähigkeiten.
Die Studierenden bringen in der Mehrzahl ausreichend Vorkenntnisse im Umgang mit gängigen Web-2-Applikationen mit und können diese meist auch schnell auf neue Anwendungen transferieren. Der Einsatz dieser Tools für die Erreichung der eigenen Lernziele ist aber noch ungewohnt. Daher ist neben einem guten Maß Experimentierfreude auch eine klare Lernzieldefinition und eine regelmäßige begleitende Evaluation dazu wichtig. So wird verhindert, dass das „Spielen“ mit den technischen Möglichkeiten zum Fokus wird. Ähnliches gilt für die Lehrenden, die ebenfalls ihren Lehrprozess regelmäßig überprüfen müssen und sich auch der Frage stellen sollten (spätestens am Ende des Semesters), ob die eingesetzten Mittel bei der Erreichung der gesetzten Ziele hilfreich oder hinderlich waren.
Partizipatorisches Lehren und Lernen verlangt nach mehr Flexibilität (besonders der Lehrenden), denn durch die forcierte selbstgesteuerte Zusammenarbeit der Lernenden können neue Situationen im Seminar entstehen, z.B. unerwarteter Diskussionsbedarf, unvorhergesehene technische Schwierigkeiten etc.